Kontrolle als Ressourcenkontrolle:
“Zu Beginn der Kolonisation konnte eine einzige Marschkolonne riesige Territorien besetzen: Kongo, Nigeria, die Elfenbeinküste usw….Heute aber fügt sich der nationale Kampf des Kolonisierten in eine absolut neue Situation ein. Der Kapitalismus sah in seiner Blütezeit in den Kolonien eine Quelle von Rohstoffen, die nach ihrer Verarbeitung auf den europäischen Markt geworfen werden konnten. Nach einer Phase der Akkumulation des Kapitals kommt er heute dazu, seine Auffassung von der Rentabilität eines Geschäfts zu modifizieren. Die Kolonien sind ein Markt geworden. Die Kolonialbevölkerung ist eine kaufende Kundschaft. Wenn jetzt aber die Garnison ewig verstärkt werden muss, wenn der Handel nachlässt, das heißt, wenn die Fertigwaren nicht mehr exportiert werden können, so beweist das, dass die militärische Lösung keine Lösung mehr ist. Eine blinde Herrschaft nach Sklavenhaltergeschmack ist für das “Mutterland” wirtschaftlich nicht rentabel. Die monopolistische Fraktion der Bourgeoisie im “Mutterland” unterstützt keine Regierung mehr, deren Politik einzig und allein die dies Schwertes ist. Die Industriellen und Finanzleute des “Mutterlandes” erwarten von ihrer Regierung nicht die Dezimierung der Bevölkerung; sie erwarten, dass diese Regierung ihre “legitimen Interessen” durch Handelsabkommen und Wirtschaftsverträge wahrt. Es besteht also eine objektive Komplizenschaft zwischen dem Kapitalismus und den gewaltsamen Kräften, die im kolonialen Territorium losbrechen. Außerdem steht der Kolonisierte dem Unterdrücker nicht allein gegenüber. Er kann mit der politischen und diplomatischen Hilfe fortschrittlicher Länder und Völker rechnen. Vor allem aber kann er sich auf die Konkurrenz, den unbarmherzigen Kampf verlassen, den sich die Finanzgruppen liefern.”
Frantz Fanon, “Die Verdammten dieser Erde” (1960) (zitiert aus Suhrkamp, Frankfurt/ Main 1981, S. 54 f.)
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Weiße Rassenideologie und “Wissenschaft”
Über die psychologischen Vorarbeiten der Kolonialist/innen, mit denen sie ein Weißes Herr/innen-Schema seit Jahrhunderten in den Köpfen befestigten, gibt die Pädagogin und Dichterin May Ayim (Opitz) in dem Buch “Farbe bekennen” ( Hrs.: Katharina Oguntoye, May Opitz, Dagmar Schultz, Orlanda-Frauenverlag 1986) viel Aufschluss (“Rassismus, Sexismus und vorkoloniales Afrikabild in Deutschland”, bei: Fischer-Verlag,S. 17-65). Sie hat einerseits den Blick auf einige der bestialischen Unterwerfungsmethoden der deutschen Kolonialisierenden in den afrikanischen Ländern gerichtet. Zugleich betont sie jedoch auch: “Rassismus geht m. E. über Diskriminierung hinaus: Er ist die Macht, wirtschaftlich, kulturell, politisch und sozial die eigenen Interessen und Interpretationen durchzusetzen” (S. 35). Die Unterwerfung erreichten die Kolonialist/innen zwar auch, bei den überfallenen Ländern, mit roher äußerlicher Gewalt gegen die Bevölkerung, die sich unmittelbar zur Wehr setzte. In Europa und in den unterdrückten Kolonien, diente dem System aber auch eine fortgesetzte Herr/innenmoral, die sich wissenschaftlicher Instrumente bediente. Mithin war die Weiße Wissenschaft des europäischen Zeitalters der Neuzeit stark von Machtinteressen gelenkt. Doch diese wird heute noch oft als zentral maßgebend in der Welt dargestellt.
Die deutschen Auswanderer zeigten laut Ayim/Opitz ein “deutsch-nationales Sendungsbewusstsein”, “das sich die Erziehung der ‘Eingeborenen’ zu deutschen Untertanen zur Pflicht setzte. Der Erziehungsauftrag hieß, die ‘niedere Rasse’ auf eine ‘höhere Kulturstufe’ emporzuheben. Dies, obwohl Vasco da Gama und seine Leute bereits 1497 feststellten, dass die Bewohner/innen im Gebiet des heutigen Tanzania ‘die östlichen Meere befuhren und bessere navigatorische Kenntnisse hatten als sie selbst, und sie fanden dort Stadtstaaten und Regierungen vor, die ebenso wohlhabend und differenziert waren wie alles, was ihnen auf diesem Gebiet von Europa her bekannt war.’ ” (S. 34)
Ayim/Opitz erinnert daran, dass der Altertumswissenschaftler Winckelmann eine Typenlehre entwarf, die am griechischen Schönheitsideal orientiert war, und ein ideales Menschenbild mit Hilfe von Klimazonen einer Bewertung unterwarf. Die ideale Klimazone wurde damit nach dem mediterranen Europa verlegt, welches “System” ihm gestattete, dann abwertende Urteile über die Bewohner/innen des afrikanischen Kontinentes aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit ferne von Griechenland zu fällen. Das rassistische Theorem mithilfe von Klimazonen wurde dann fortgeführt von George Louis Leclerc und Comte de Buffon. Diese “wissenschaftlichen” Grundlagen kamen dem Selbstgefühl der europäischen Gesellschaft allerdings sehr entgegen – die Weißen werteten sich selbst auf und rechtfertigten zugleich ihre Plünderungen und ihre Vorherrschaft gegenüber den unterworfenen Menschen in den Kolonien, die für sie Zwangsarbeit leisten mussten. Ayim/Opitz zeigt auf: “Die sich im Europa des 19. Jahrhunderts durchsetzende Idealvorstellung eines schönen Menschen, der emotionslos, rational und leistungsorientiert sein sollte, orientierte sich an den Bedürfnissen des aufkommenden Industriekapitalismus.” (S.22) Die Autorin verweist darauf, dass dieses rassistische Menschenbild auch in Hegel einen eifrigen Verfechter hatte, der Afrika u. a. als “das Kinderland (sah), das jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist”, eines von mehreren diesbezüglichen Zitaten des Philosophen (S. 35).
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Europäische Weiße “Kultur” und “das Andere”
Heute lässt sich übrigens immer noch ein stark eurozentristisches Menschenideal in der deutschen Kultur bemerken. So kritisierte der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami in 2001, dass die deutsche Kultur gegenüber den Kulturen der Welt fast noch rückständiger wäre als zur Goethe-Ära, und wenig von lateinamerikanischer und afrikanischer Literatur wissen wollte (“Mit fremden Augen, Tagebuch”). In dem Buch “Re/Visionen” (Hrsg. Ha, al-Samarai, Mysorekar) geben Autoren (Julio Mendivil, Johannes Salim Ismaiel-Wendt) Beispiele von Musikkultur mit europazentrierten Vorurteilen und dem Klischee vom europäischen “zivilisierten Denken”. In der deutschen Literatur ist derzeit ein Rückschritt in Richtung Primitivität angezeigt: der Büchner-Preisträger Winkler verwendete in seinem in 2008 preisgekrönten Buch durchgehend zwei bestimmte rassifizierende Wörter, die eigentlich seit der Kolonialzeit und seit dem Ende der Nazi-Ära abgeschafft sein sollten. Keine einzige Person aus den literarischen Einrichtungen problematisierte dieses fragliche Vorgehen bei der Bezeichnung. Winkler erhielt großes Lob für sein Büchlein, in dem migrantische Personen als exotische, verdinglichte Objekte erscheinen.
Auch in den deutschen TV- Kanälen (GZSZ, Marienhof) bleibt der Vorrang für biedere deutsche Kultur mit entsprechendem äußerlichen Klischee ungebrochen, während andere Kulturen und Denkweisen als randständig oder exotisch dargestellt werden.
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